DüsseldorfKolumne

Gastbeitrag von Single-Expertin Nadine Kretz: Mein Date mit dem Bettler

Morgeen“, hörte ich täglich eine tiefe Stimme auf dem Weg zur Arbeit.
Ich warf einen Blick nach unten. Ein Mann mit langen zotteligen Haaren, Bart, löchrigen Handschuhen und zerrissenen schwarzen Klamotten saß am Boden. Sein Alter war schwer zu schätzen – vielleicht Ende Vierzig? Er hielt ein Pappbecher in der Hand mit dem er um Kleingeld bettelte. Ich sah ihn jeden morgen um acht und jeden abend um 18 Uhr kniend vor einem geschlossenen Geschäft, das erst kürzlich geschlossen hatte.

Daher behinderte er niemanden. Anscheinend wünschte er jedem einzelnen Passanten einen „Guten Morgen“ und ein „Hallo“ am Abend. Er verbrachte dort über zehn Stunden, vermutete ich. Ich würde mich nicht den ganzen Tag auf die Straße knien für ein paar Cent, wahrscheinlich nicht mal eine Stunde, sicher nicht mal wenige Minuten.

„Morgeen.“

Wie alle anderen ging ich wortlos an ihm vorbei, nachdem er mich grüßte. Aber warum antwortete ich ihm nicht wenigstens? Im Büro begegnete mir eine Kollegin in der Küche.
Morgeen“, sagte ich ihr, aber sie schwieg. Sie ignorierte mich einfach. Vielleicht war sie in Gedanken, vielleicht hatte sie es nicht gehört, unhöflich fand ich es trotzdem. Manchmal war es mir egal, aber manchmal ärgerte ich mich darüber.

Hallo“, verabschiedete sich der Bettler auf meinem Nachhauseweg und streckte mir seinen Becher entgegen. Ich ignorierte ihn. Es wurde schon kalt draußen. Ich könnte das nicht.
Nach drei Tagen beschloss ich, ihn wenigstens zurück zu grüßen. Was sprach schon dagegen? Weil man das so machte? Weil er zum untersten Abschaum gehörte? Ein Sozialschmarotzer? Kein gesellschaftlich anerkanntes Mitglied? Ich musste ihm ja kein Geld geben, was kostete mich schon ein Wort am Morgen und eines am Abend?

„Morgeen.“

Nach einigen Wochen nervte er mich. Ich fühlte mich durch seine pure Anwesenheit belästigt. Genötigt, ihn zu begrüßen. Auch ich wäre lieber wortlos an ihm vorbei gelaufen. So wie es alle taten, aber ich konnte es nicht und ich wollte es auch nicht mehr.

Bereits einen Monat erhielt ich zweimal täglich einen Gruß. Ich lief meine Wegstrecke hinauf und ich wusste, was mich erwartete. Der Penner, mit den zerrissenen Klamotten, kniend am Boden, den Becher in der Hand, bettelnd nach Kleingeld, der jedem Einzelnen zehn Stunden am Tag ein freundliches „Morgeen“ entgegen brachte. Mittlerweile gehörte er irgendwie dazu. Aber heute – heute war er nicht da. Nur sein leerer Platz.
Ich ging die Straße entlang und fragte mich weshalb. Wo war er? Verstorben? Vielleicht begegnete ich ihm auf dem Rückweg?

Auf der Arbeit verschwendete ich keinen Gedanken mehr an ihn. Feierabend. Ich machte mich auf den Rückweg und fragte mich, ob ich ihn wieder sehen würde. Ich ging den grauen Asphalt entlang und hielt Ausschau nach dem Obdachlosen, der für wenige Euro den ganzen Tag auf seinen Knien verbrachte.

Da saß er – der zottelige Mann mit dem Pappbecher in der Hand und den verschmutzen Klamotten.
Hallo“, sagte er und schaute von unten zu mir hinauf. Ich verlangsamte mein Tempo und blieb vor ihm stehen.
Ich hab Sie heute morgen schon vermisst“, entgegnete ich und zauberte ihm ein kleines, fast unmerkliches Lächeln ins Gesicht. Beschämt sah er wieder nach unten.

Jetzt war er wieder da und ich ging weiterhin täglich, schnellen Schrittes, an ihm vorbei.
Morgeen“, begrüßte mich der Mann von der Straße.
Morgeen“, entgegnete ich ihm.

Wer war dieser Mensch eigentlich? Weshalb saß er dort und was hatte ihn dahin gebracht? Ob er wirklich keine Wohnung hatte? Wieso dachte ich überhaupt darüber nach? Er war doch nur ein Penner mit verdreckten Klamotten und zotteligem Bart. Wochenende, ich legte meine Arbeit etwas früher als sonst nieder. Ich sollte dankbar für meinen Job und mein Dach über dem Kopf sein. Auch im Winter hatte ich es schön warm. Ich begab mich auf den Nachhauseweg und schlenderte noch durch einzelne Geschäfte. Gleich würde ich ihn wieder sehen – auf dem Boden mit seinem Becher in der Hand.

Ich kam zu dem Bettler und wieder einmal blieb ich vor ihm stehen:
Steh auf, wir gehen einen Kaffee trinken. Möchtest Du?
Er nickte.
Komm wir setzen uns ins Café. Lässt Du Deinen Becher hier?
Er nickte erneut und warf einen besorgten Blick zurück, als wir das Café betraten.
Die Menschen verstummten, es wurde ganz still, aber sie schauten uns nicht an. Es war wie auf einer Beerdigung. Ruhig und sprachlos.

Was willst Du?
Café.“
Und was zu essen? Such dir etwas aus?
Nein“, und er zeigte auf seinen Platz nach draußen.
Hast du zu essen?“ Er nickte erneut und weigerte sich Essen anzunehmen. Seine Augen wurden glasig.
Wie heißt Du?
Viktor.“
Ich bin Nadine.
Woher kommst du?
Slowakei“, antwortete er.
Wie alt bist Du?

Er malte die Zahlen fünf und zwei mit seinen Fingern in die Luft.
Wir nahmen unsere Getränke und setzten uns an Fenster. Der gebeugte Mann traute sich kaum, mich anzuschauen. Er wirkte wie ein kleines, verletzliches Kind. Gebrochen, verschreckt und schutzbedürftig. Viktor verstand nicht gut Deutsch und sprach nur wenige Worte. Morgeen und Hallo beherrschte er perfekt. Er lebte seit drei Monaten in Deutschland auf der Straße, jeden Tag am selben Platz auf seinen Knien, um Geld für seinen Lebensunterhalt zu erbetteln. Alkohol trank er keinen. Sagte er zumindest. Seine Nächte verbrachte er frierend im Park. Es war schon Winter. Weshalb tat er das? Weil diese Art zu leben besser war, als die Alternative in seiner alten Heimat. Der Obdachlose wurde fortwährend nervöser. Immer wieder blickte er nach draußen. Wie ein Arbeiter, der weiter machen musste, um sein Geld zu verdienen. Das, was er tat, tat er gewissenhaft.

Du willst zurück?
Er nickte. Wir verließen das Café und er begab sich mit seinem Becher auf die Knie.
Schon bald ging ich wieder die Straße entlang. Ich sah nicht mehr einen Bettler mit zotteligem Bart, zerrissenen Klamotten und einem Becher in der Hand. Ich sah einen Mann über fünfzig, der aus seiner Heimat flüchtete, um es hier besser zu haben. Er blickte von unten zu mir hinauf:

Morgeen.“
Morgen, Viktor.

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Nadine Kretz

Mein Name ist Nadine Kretz und ich bin Autorin und Coach. Ich möchte meine Erfahrungen, insbesondere aus meiner Singlezeit, teilen, um Hindernisse bei der Partnersuche aufzudecken und Lösungen aufzuzeigen, wie Menschen wieder zueinander finden. Meine Texte erfüllen mich und sollen auch anderen Liebe, Freude und Hoffnung schenken. Für weitere Artikel und Informationen besucht mich gerne auf www.nadine-kretz.de

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